"They named a brandy after Napoleon, they made a herring out of Bismarck,and Hitler is going to end up as a piece of cheese."

 

 

Wie auch im letzten Jahr hat sich das Babylon am Kinopreis des Kinematheksverbundes beteiligt.

Leider hat es in diesem Jahr wieder für eine lobende Erwähnung nicht gereicht.

Aber wir bleiben dran, versprochen. Allen Preisträgern und der Jury gilt für ihre Auswahl unser Glückwunsch!

Wer unser Programm aus dem Jahr 2019 noch einmal in Kurzform Revue passieren möchte, hat hier einen schönen Überblick über unseren bisher erfolgreichsten Jahrgang.

Hierzu unsere Einreichung:

Kinopreis des Kinematheksverbundes Einreichung 2020  für das Spieljahr 2019

II. - Unser Programm 2019

1. Gesamtanzahl der Vorführungen        3628
2.  Gesamtanzahl der Besucher             178.985
3.  Gesamtanzahl aller Langfilme            2251
4.  Anzahl Kurzfilmprogramme/Kurzfilme        110
5.  Anzahl Dokumentarfilme (kurz + lang)        215
6.  Anzahl Kinderfilme                1


III. Selbstdarstellung

Anlage 1:
Warum schreibe ich diesen Antrag?

Bereits in den 70iger Jahren war die Geschichte des Films so umfangreich, dass Orte für die regelmäßige Wiederaufführung herausragender Filme gesucht wurden. Die Filmarchive drängten in die Öffentlichkeit. Die Dualität des Films zwischen Kommerz und Kunst konnte vom Markt, also dem Kreislauf aus Produzenten, Verleiher, Kinos und Zuschauern nicht mehr adäquat abgebildet werden. Die Ausstrahlung alter Filme im Fernsehen konnte das Erlebnis auf der großen Leinwand nicht ersetzen.

Film ist aber im 20. Jahrhundert zu dem Kulturträger überhaupt geworden. Unser Gedächtnis, unsere Geschichte, unsere Identität besteht aus Bildern.

Was früher die Fresken in den Kirchen waren oder der in Stein gehauene Pergamon Fries, das sind heute audiovisuelle Aufzeichnungen.

Kein Gemeinwesen ohne gemeinsame Sprache und Kultur.

Das kann man nicht allein dem Markt überlassen. So wie es Bibliotheken gibt, entstanden von der Kommune geförderte Kommunale Kinos. So auch das Babylon in Berlin.

Bereits seit Ende der 70iger Jahre ist das Babylon ein Wiederaufführungskino. Es zeigt Filme – auch neue regionale und internationale Filme – jenseits der Verwertungskette.

Die Unterscheidung zwischen Kommunalen und Kommerziellen Kinos erschließt sich mit einem Blick auf das Programm.

Kommerzielle Kinos, auch Programmkinos, werten von Verleihern auf den Markt gebrachte Filme durch nachhaltiges Abspiel aus. Die Filme müssen täglich über einen möglichst langen Zeitraum das in sie investierte Geld wieder einspielen.

Im Unterschied dazu zeigen Festivals und kommunale Kinos einzelne Aufführungen. In der Regel sind diese Filme bereits durch die Erstaufführungskinos ausgewertet. Oder die Filme haben (noch) gar keinen deutschen Vertrieb. Der - bei der Präsentation -höhere Eigenanteil durch die kommunalen Kinos wird durch eine Subvention der „Kommune“ ausgeglichen. Es wird sichergestellt, dass diese nichtkommerziellen Kinos keinen Gewinn erwirtschaften können.

Genau so ein Kino war das Babylon vor und nach der deutschen Wiedervereinigung. Ich hatte das Glück, bereits 1992/93 in diesem Haus als Programm Kurator zu arbeiten.

Seit 2005 leite ich (Timothy Grossman) das von Hans Poelzig 1929 eröffnete Baudenkmal mit der einzigen in Deutschland am originalen Ort erhaltenen Kinoorgel.

Und seitdem hält sich das merkwürdige (auch von den Medien verbreitete) Gerücht, das Babylon wäre kein kommunales Kino mehr.

Dabei genügt ein Blick in unser umfangreiches Programm, um das Gegenteil festzustellen.

Auch die Förderung der Stadt Berlin ist seitdem in etwa die Gleiche geblieben. Liegt es an der Einmietung durch den sonntäglichen Gottesdienst oder an der enormen Steigerung unseres Angebots?

Wir zeigen etwa 1500 verschiedene Filme im Jahr, täglich im Durchschnitt etwa 9 Vorstellungen in den drei Kinos.

Oder liegt es an den 178.000 Besuchern?

Jedenfalls hat der Bundesverband für kommunale Filmarbeit unseren Antrag auf Mitgliedschaft seit 2006 auf Eis gelegt.

Ein neues Ersuchen im April 2018 wurde auf der Mitgliederversammlung im Februar 2019 zunächst mit 10 zu 10 Stimmen unentschieden angenommen.

Ich (Timothy Grossman) durfte vor der Versammlung Rede und Antwort stehen und habe in aller Ruhe und größtmöglichem Wohlwollen der Versammelten unsere Arbeit im Babylon erklärt. Doch da sich im Nachhinein herausstellte, dass eine der Ja Stimmen bei der Abstimmung nicht mehr zugegen war, sondern diese nur „hinterlegt“ hatte, kippte der Entscheid zu unseren Ungunsten.

Das Merkwürdige an dem Prozedere war allerdings, dass es so einen Mitgliederentscheid bei keinem der anderen aufgenommen Kinos vorher gab.

Selbst das Babylon unter meiner vormaligen Chefin Frau Cornelia Klauß (1992/93) war natürlich Mitglied im Verband.

Selbst ein gelegentlich als Kino dienender Friseursalon in Berlin, hatte keine Probleme aufgenommen zu werden. Ein ausschließender Grund wurde mir auch nicht genannt. Und trotzdem ist das Babylon das einzige kommunale Kino Berlins, weil nur dieses als non-profit Spielstätte institutionell von dieser Stadt gefördert wird.

Abschließend möchte ich also bemerken: Die Dramen spielen sich nicht nur auf der Leinwand, sondern auch davor ab.

Wir, die Spieler, entscheiden über das Genre und auch darüber, welche der verschiedenen Rollen wir übernehmen möchten. Denn eigentlich hat sich seit Shakespeares oder Aristoteles' Zeiten gar nicht so viel verändert. Im Grunde läuft immer die gleiche Geschichte mit anders verteilten Rollen. Aber das macht das Leben nicht weniger spannend.

Das Babylon als kulturell/künstlerisches Gedächtnis und melting pott der Stadt Berlin:

Wesentliche Schwerpunkte sind neben der Präsentation von aktuellen Produktionen (z.B. Lola Long List), insbesondere auch die Aufführung des Filmerbes, insbesondere des deutschen Filmerbes und dabei wieder insbesondere auch der Filme, die in Babelsberg gedreht wurden.

Neben der wöchentlichen Reihe Stummfilm um Mitternacht, jeden Samstag um Null Uhr für Null Euro, haben wir im letzten Jahr ein eigenes Orchester, das Babylon Orchester Berlin, gegründet. Allein der in Babelsberg gedrehte Film Metropolis, wurde mit diesem Orchester mehr als 40 Mal vor meist ausverkauftem Haus zum Leben erweckt. (Das sind etwa 20.000 Besucher.) Hinzu kommen etwa 50 verschiedene Festivals und Filmreihen, die ich zur Veranschaulichung jetzt aufliste:
Berlin Marlene – Marlene Berlin, Felsenstein im Babylon, Hellas Filmbox, Cine Brasil, Lubitsch Geburtstag und Preisverleihung in Anwesenheit der Tochter von Ernst Lubitsch aus Los Angeles und die grandiose Aufführung von Rosita, Lubitsch’s erster Film in den USA in einer restaurierten Fassung der MoMA New York, Live vertont von unserem Orchester, 60’s Ost Umsonst - inklusive Filmgespräche mit Jürgen Böttcher und Istvan Szabo (50 Filme, 8000 Besucher in 4 Wochen), Panzerkreuzer Potemkin und Berlin - Die Sinfonie der Großstadt, beide mit der grandiosen Musik von Edmund Meisel Live vertont von unserem Orchester, BIFF, Dok Argentina, Let’s Dance, Prenzlauerberginale, Berlin Feminist Filmweek, Panorama Kolumbia, Catalan Film, 11mm Fußballfilmfestival, Lola Long List, Achtung Berlin, Indonesia on Screen, Filmpolska, Pictoplasma, Anime Berlin, New York – New York in 80 Filmen, Hong Kong Independent  Film Festival, TV Festival, Week of the Chilean Cinema.

Zum 90. Geburtstag des Babylons zeigte wir den Film Fräulein Else mit einem eigenen Score, vertont durch unser Orchester. Der gleiche Film eröffnete das Babylon am 11. April 1929!

Volker Schlöndorff präsentierte anschaulich und herausragend seinen Lieblingsfilm: L’eclisse von Michelangelo Antonioni. Indo German Filmweek, Tribute to Ennio Morricone mit Live durch das 'Babylon Orchester Berlin' gespieltem Filmscore und 30 seiner Filme, 60’s France, Woodstock 50!, 1929! Das StummfilmLiveFestival, Seret, Berlin Hauptstadt der DDR, 60’s Italia, Jiddische Glikn, Africa Look, 60’s BRD, Moslemischer Kulturtag, Kurdisches Fimfestival, die Queer Movie Night der Israelischen Botschaft und das 48 Hour Film Project, Brecht in Echt, Goodbye GDR, Films 4 Transparency, Lux Filmtag des Europäischen Parlaments, das Favela Filmfestival Rio Berlin, das 2. Refugee Film Festival, Korea Independent, ein Chinesisches Film Festival, Interfilm, LaKino, das Sci-Fi Filmfest und Cinema Italia inklusive Preisverleihung.

Es fanden unzählige Filmgespräche mit Gästen aus der ganzen Welt statt.

Ich möchte kurz Ihre Aufmerksamkeit auf wenige besondere Höhepunkte lenken: Das Babylon ist sicherlich der einzige Ort, an dem sich zur gleichen Zeit ein Moslemischer Kulturtag mit einer Jiddischen Filmreihe treffen, sich Sahra Wagenknecht und Wolfgang Joop über Mode unterhalten und Carola Rackete wegen des großen Andrangs zwei Mal hintereinander den Film SeaWatch3 vorstellt, während um die Ecke das Festival Brecht in Echt zu Ende geht.

Brechts in Einzelbild überlieferte legendäre Inszenierung „Der Hofmeister“ wurde dabei in einer originären Babylon Produktion unter der Regie von Jürgen Kuttner mit Schauspielern des Deutschen Theaters zu neuem Leben erweckt. Nikolaus Merck schrieb dazu in der Nachtkritik: „Anna Vavilkina an der Kino-Orgel rückt das fotografisch-filmische Dokument der Ruth Berlau von 1950 noch einmal um gut 30 Jahre zurück in die totale Stummfilmzeit etwa der Kleinen Strolche, während das Publikum vor Vergnügen ausdauernd giggelt.Ein unendlicher Spaß, den, das sei angeraten, Ulrich Khuon schleunigst eingemeinden sollte in sein Repertoire im Deutschen Theater, wo "Der Hofmeister" am 15. April 1950 auch Premiere gehabt hat.“


Anlage 2
Strukturbedingungen – Babylon

Das Babylon befindet sich in Berlin. Berlin ist Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt in Deutschland. Während in Städten wie München die Politik Einfluss auf den Bau von neuen Kinos genommen hat, ist dies in Berlin so nicht geschehen. In Berlin haben seit Mitte der 90iger Jahre 19 Multiplexkinos eröffnet! Diese haben 97 Kinosäle. (Kino am Mercedes Benz Platz noch nicht mitgezählt. Dafür hat das Kosmos schon wieder geschlossen.) Diese Multiplexe haben neue 36.055 Kinoplätze geschaffen. Dabei ist der durchschnittliche, jährliche Kinobesuch pro Einwohner nicht entsprechend gewachsen. Trotz vieler Touristen: In Berlin herrscht ein Verdrängungswettkampf im Kino und mit anderen Freizeitmöglichkeiten. Trotzdem hat Berlin noch eine starke Independent Kino Szene, mit viel Selbstausbeutung. Der Markt ist also knallhart. Die Aufmerksamkeit der Presse für Festivals und einzelne Events tendiert gegen Null. Nur durch unser komplett eigenständig erarbeitetes Programm und unser Marketing können wir mehr Zuschauer gewinnen.


Kinopreis des Kinematheksverbundes

Der Kinopreis des Kinematheksverbundes wird seit 2000 jedes Jahr vom Kinematheksverbund im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) an die kommunalen und nicht-gewerblichen Kinos für das Filmprogramm des Vorjahres vergeben.

Der Kinopreis 2020

Aufgrund von Covid 19 kann die Preisverleihung des Kinopreises in diesem Jahr bedauerlicherweise nicht in den Räumen der Deutschen Kinemathek, Berlin, stattfinden und wird deshalb ins Netz verlegt. Am Dienstag, den 27.10.2020 wird ab 14 Uhr ein Online-Beitrag mit den Jury-Begründungen und den Statements der Preisträger*innen auf der Webseite der Kinemathek veröffentlicht werden:  deutsche-kinemathek.de/de/kinemathek/kinopreis

Die Jury zeichnet in diesem Jahr Kinos und Programmmacher*innen aus den Städten Achern, Bordesholm, Cottbus, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Freiburg, Hamburg, Hannover, Heidelberg, Konstanz, Köln, Leipzig, Lübeck, Mainz, Nürnberg, Saarbrücken und Weiterstadt aus.

Obwohl die Preise für herausragende Programme des Jahres 2019 vergeben werden, ist die Auszeichnung der insgesamt 22 Spielstätten vor dem Hintergrund der Pandemie und ihrer tiefgreifenden Auswirkungen auf den Kulturbereich – speziell auf die Film- und Kinobranche – zugleich als ein deutliches Signal zu verstehen, um die kulturell und gesellschaftlich unverzichtbare Arbeit der kommunalen Kinos und der engagierten Filminitiativen hervorzuheben und diese weiter zu unterstützen.

Lotte-Eisner-Preis 2020

Der Lotte-Eisner-Preis wird für herausragende Programmarbeit verliehen, die Maßstäbe setzt und eine begeisterte und kritische Auseinandersetzung mit der Filmgeschichte und ihren Präsentationsformen darstellt. In diesem Jahr geht dieser Preis erstmalig an zwei Kinos einer Stadt und steht damit symbolisch für die gesamte alternative Kinoszene in der Stadt Leipzig: Die Verleihung des Preises ex aequo an das UT Connewitz und die Cinémathèque in Leipzig möchte die Jury ausdrücklich als Ermutigung verstanden wissen, die Zusammenarbeit zwischen filmkulturell engagierten Kinos in Städten und Kommunen zu suchen, statt sich zueinander in Konkurrenz zu setzen.

 

Die Preisträger 2020

Kategorie „Kino, das zurückblickt“
 
Erster Preis (2.000 Euro)
Metropolis Kino, Hamburg
 
Zweite Preise (jeweils 1.000 Euro)
Kino im Sprengel, Hannover
Filmhaus Nürnberg
Black Box – Kino im Filmmuseum, Düsseldorf
Kinothek Asta Nielsen, Frankfurt am Main
 
Kategorie „Kino, das bildet“
 
Erster Preis (2.000 Euro)
Karlstorkino, Heidelberg
 
Zweite Preise (jeweils 1.000 Euro)
Filmforum Höchst, Frankfurt am Main
CinéMayence, Mainz
Filmclub 813 e.V. (Kino 813 in der BRÜCKE), Köln
Kino achteinhalb, Saarbrücken
 
Kategorie „Kino, das verbindet“
 
Erster Preis (2.000 Euro)
Kino Koki – Kommunales Kino, Lübeck
 
Zweite Preise (jeweils 1.000 Euro)
Savoy, Bordesholm
Kommunales Kino Freiburg
Kommunales Kino Weiterstadt
Clubkino im Lingnerschloss, Dresden
Kategorie „Kino, das wagt“
Erster Preis (2.000 Euro)
Jugendkulturzentrum GladHouse / OBENKINO, Cottbus
 
Zweite Preise (jeweils 1.000 Euro)
Kommunales Kino „Filmtheater Tivoli“, Achern
B-Movie Kulturinitiative auf St. Pauli e.V., Hamburg
Pupille Kino in der Uni, Frankfurt am Main
Zebra-Kino – Kommunales Kino Konstanz e.V.
 
Die Jury-Begründungen

Lotte-Eisner-Preis: UT Connewitz und Cinémathèque Leipzig

Der Hauptpreis des Kinematheksverbundes, der Lotte-Eisner-Preis, geht für das Jahr 2019 nach Leipzig. Dort allerdings teilt er sich, denn die Jury möchte ihn an zwei Kinos gleichzeitig vergeben. Der Gedanke dahinter ist nicht nur, dass beide Kinos ein exzellentes Programm anbieten, sondern hängt auch mit der Handhabung dieses Programms zusammen: Beide Kinos fallen auf, weil sie ihren Fokus sichtlich nicht auf den Wettbewerb mit anderen legen, sondern auf vielfältige Zusammenarbeit. Der Preis dankt also auch dem städtischen und künstlerischen Zusammenhalt, den diese beiden Leipziger Kinos demonstrieren, der solidarischen kulturpolitischen Haltung in einer Zeit der Differenzen.
Beide Spielstätten teilen sich feste Programme mit anderen Kinos, das UT Connewitz etwa mit der »Kinobar Prager Frühling« oder dem »Luru Kino in der Spinnerei«. Die Cinémathèque hat neben ihren Vorstellungen im soziokulturellen Zentrum »die naTo« jetzt auch das »Interim« und bespielt darüberhinaus projektweise das Grassimuseum und »Conne Island«. Die Liste ließe sich fortsetzen, sie verweist eindringlich darauf, wie das Medium Film hier als Anknüpfungspunkt für ein breites Verständnis von Stadtkultur dient.
Natürlich sind auch die Programme sowohl im UT Connewitz als auch in der Cinémathèque herausragend und unkonventionell, verstehen doch beide Kinos Film als Experiment auf vielerlei Ebenen und versuchen stets, innovativ damit umzugehen. So macht das UT Stummfilmabende, bei denen nicht die übliche Klavierbegleitung regiert, sondern neue Musik. Oder: 2019 wurden die 45 Jahre alten »Materialfilme« von Birgit und Wilhelm Hein durch Leipziger Bands vertont. Mit Tönen arbeitet auch die Cinémathèque gern, so gab es 2019 etwa die Reihe »Paradoks« mit der audiovisuellen Begleitveranstaltung »Parasound«. Beide Kinos forcieren häufig die Kombination von Film mit anderen künstlerischen Formaten, sie schaffen einen Dialog der Medien, der oft auch in einen Dialog der begleitenden Künstler mündet.
Zudem ist eine Ausrichtung ihres Programms auf Politik, Experiment und Dokument erkennbar, beide Kinos suchen geradezu den marginalisierten Film, die eigenwillige Form, eine Utopie von Kino. Das betrifft auch das Finanzielle. Es gibt Vorstellungen ohne Eintrittsgeld, die Kinos selbst arbeiten als Verein mit zahlreichen ehrenamtlichen Mitgliedern. Sie alle machen es sich offenbar zur Aufgabe, ihrem Publikum eins zu zeigen: dass Film weder ausschließlich Kommerz noch ausschließlich Unterhaltung sein muss, sondern ganz einfach Kunst ist.
 
Kategorie „Kino, das zurückblickt“
Der Preis würdigt besonders die Vielfalt und den Ideenreichtum bei der Präsentation von Filmen aus der gesamten Filmgeschichte. Dies umfasst den Einsatz von Stummfilmen, Repertoirefilmen und von Filmen aus verschiedensten Ländern der Welt.

Der erste Preis:
Der Erste Preis und damit 2000 Euro werden in den hohen Norden geschickt, nach Hamburg, zum Kino Metropolis. Das feierte 2019 nicht nur sein 40-jähriges Bestehen, sondern auch die Filmgeschichte in mannigfaltiger Form. Umfassende Retrospektiven der Werke von Hark Bohm, Marianne Hoppe, Maria Schell, Bernardo Bertolucci, Alexander Mackendrick, Michael Powell und Doris Day standen in aufregendem Dialog zur kontinuierlichen Reihe »Original : Remake«.

Die zweiten Preise:
Die Kinothek Asta Nielsen in Frankfurt am Main, weil sie insbesondere an das Filmerbe von Regisseurinnen erinnert und in groß angelegten Veranstaltungen zugänglich macht. So stand das eigens gegründete Festival »Remake – Frankfurter Frauen Film Tage« 2019 ganz im Zeichen ihrer Geschichte, HerStory. In dem österreichischen Film »Rote Ohren fetzen durch Asche« (1991) etwa konnten »apokalyptische Lasterhaftigkeit, synthetisch pulsierende Noise-Tonspuren, unbedingter Körpereinsatz der Darsteller und Stop-Motion-Trickfilmerei« beobachtet werden. Und in den Filmen Ella Bergmann-Michels ein Frankfurt vor dem Zweiten Weltkrieg, wie es heute nicht mehr zu finden ist.
Das hannoversche Kino im Sprengel, das mit einem verlässlich beglückenden Programm aufwartet. 2019 erkundete man dort die 1980er Jahre und mit ihnen Filme von Eva C. Heldmann, Angelika Levi, Rosi S. M. und Helke Misselwitz. In der Reihe »Vollmondkurzfilme« wagte man sich an »Gefilmte Aktionskunst und Kunstaktionen der 60er Jahre« und außerdem an »Frühe Filme von Rainer Boldt«.
Ebenfalls mit einem zweiten Preis bedacht wird das Filmhaus Nürnberg. Begeistert hat die Jury der Rückblick auf die British New Wave der späten 50er und frühen 60er Jahre in insgesamt elf Programmen. Filme von Tony Richardson, Desmond Davis, Bryan Forbes, Lindsay Anderson, Richard Lester, Peter Brook, Clive Donner sowie Ken Loach zeigten eine Spannbreite von filmisch empfundener industrieller Tristesse bis hin zu einem knalligen Charme, wie er in Richard Donners »Here We Go Round the Mulberry Bush« von der Leinwand schießt: »Er ist bunt, die Krawatten sind breit wie die Röcke kurz, die Hemden psychedelisch wie der Vorspann und der Soundtrack von Steve Winwood«, heißt es im Programm.
Ausgezeichnet mit einem zweiten Preis wird auch die Black Box – Kino im Filmmuseum Düsseldorf. Mit Reihen für Will Tremper, Roland Klick, Youssef Chahine und Krzysztof Zanussi sowie Einblicken in »Die Filmsammlung der Bonner Kinemathek« konnte ein bemerkenswertes inhaltliches Spektrum präsentiert werden. Auch die Programme zu »Utopie und Untergang. Kunst in der DDR« mit Filmen von Jürgen Böttcher, Bernhard Stephan, Detlef Tetzke und Konrad Wolf haben uns aufmerken lassen.
 
Kategorie „Kino, das bildet“
Hier werden innnovative, generationenübergreifende Vermittlungskonzepte ebenso prämiert wie Angebote, die Kindern und Jugendlichen den einzelnen Film als künstlerisches Werk näherbringen und zu tiefergehender Beschäftigung damit anregen.
Der erste Preis:
Der erste Preis geht an das Karlstorkino in Heidelberg. Es überzeugt mit seinem Fokus auf Bildung und eine ebenso aktive wie aktivierende Medienpädagogik, u.a. mit einem eigenen Entwicklungslabor für Filme und ungewöhnlichen Schwerpunkten in der Filmauswahl, darunter Mathematik und Informatik.

Die zweiten Preise:
Des Weiteren vergibt die Jury vier zweite Preise in dieser Kategorie, und zwar zunächst an das Filmforum Höchst für seine kenntnisreiche Programmpolitik, wie z.B. zur DDR-Geschichte oder zu sogenannten »Streikfilmen«.
Das CinéMayence in Mainz zeichnet sich aus durch seine Vielzahl an programmierten Dokumentarfilmen wie auch durch seinen hohen gesellschaftlichen Anspruch, der sich beispielsweise in Kooperationen mit »Fridays for Future« oder einer Filmreihe zum psychoanalytischen Blick auf klassische Spielfilme manifestiert.
Ein weiterer zweiter Preis geht an den Filmclub 813 in Köln, der 90% der Filme in analogen Kopien spielt und trotz finanzieller Engpässe einfallsreich und überraschend geblieben ist. Das zeigte sich u.a. mit der Reihe zu »Women of the New York Underground« und einer Hommage anlässlich von Rudolf Thomes 80. Geburtstag.
Das Kino Achteinhalb in Saarbrücken versteht sich als Vermittlungswerkstatt, was sich auch in vielen Hochschulkooperationen zeigt. Es stärkt u.a. mit einer Vortragsreihe zu US-Serien sein aktuelles filmwissenschaftliches Profil.
 
Kategorie „Kino, das verbindet“
Der Preis zeichnet nachhaltige Kooperationen von Kinos mit politischen, sozialen und kulturellen Einrichtungen und Initiativen für eine gesellschaftliche Teilhabe der Bürger*innen sowie interkulturelle Kinokonzepte aus.

Der erste Preis:
Den ersten Preis erhält das Kommunale Kino in Lübeck. Es überzeugt durch Kooperationen mit ausländischen Kulturvereinigungen und ermöglicht dadurch eine Teilhabe am Kulturleben für ausländische Mitbürger und Gäste. Trotz des Mangels an finanziellen Mitteln präsentiert das KoKi ungewöhnliche Entdeckungen aus der ganzen Bandbreite der Filmkultur, so dass Mainstream im Programm rar ist.

Die zweiten Preise:
Einen zweiten Preis erhält das Savoy in Bordesholm dafür, dass es mit seiner Filmauswahl eine breite Publikumsschicht anspricht und zusammenbringt. Die Programmreihe »Kino zum Kaffee« lädt Senior*innen dazu ein, Kino in Gemeinschaft zu erleben. Auch Kinderfilme haben einen festen Platz im Programm. Das ehrenamtlich tätige Team hält durch sein großes Engagement ein Stück Kinokultur lebendig.
Ein weiterer zweiter Preis geht an das Kommunale Kino in Freiburg, das angesichts des zunehmenden Rechtspopulismus ein Zeichen setzt und zur Veranstaltungsreihe »Lesung und Film« Autor*innen mit Migrationsgeschichte einlädt.
Ebenfalls mit dem zweiten Platz wird das Clubkino im Lingnerschloss in Dresden ausgezeichnet, das mit seinem Animationsfilm-Programm aus DEFA-Klassikern und aktuellen Produktionen Kinder schon ab 5 Jahren dazu einlädt, Filme im Kino zu erleben.
Auch das Kommunale Kino Weiterstadt wird mit einem zweiten Preis geehrt. Es hat die Integration aller Altersklassen im Blick, indem es auf verschiedene Zielgruppen zugeschnittene Programme für Kinder, Jugendliche und Senior*innen anbietet. Zudem werden queere Themenschwerpunkte gesetzt.
 
Kategorie „Kino, das wagt“
Im Fokus dieses Preises stehen Programme, die neue filmästhetische Perspektiven anbieten. Gewürdigt werden jedoch ebenso Wagnisse, die darauf zielen, Kino als Ort sozialer Begegnung und Auseinandersetzung zu verstehen und zu praktizieren.
Der erste Preis:
Der erste Preis geht nach Cottbus, wo das OBENKINO im Jugendkulturzentrum GladHouse trotz der rechtspopulistischen Mehrheit im städtischen Umfeld einen klaren politischen Anspruch mit seiner Programmauswahl verfolgt. Denn Menschenverachtung, Hass, Ausgrenzung sind keine Meinungen, sondern Positionen, die unser Grundgesetz nicht duldet, darüber darf es auch keine Diskussion geben.
Die zweiten Preise:
Einen zweiten Preis erhält das Kommunale Kino »Filmtheater Tivoli« aus Achern in Baden-Württemberg. Das Wagnis, ein Kino aus einem bürgerlichen Engagement zu eröffnen und den Anspruch zu erheben, Stummfilme mit Livemusik zu zeigen, lässt ein starkes und mutiges Team dahinter vermuten. Das Kino passt in die Landschaft der Kommunalen Kinos in diesem Bundesland, die dort sehr viel besser gepflegt wird als anderswo. Als Glücksfall muss es gelten, dass das Tivoli auf einen Immobilienbesitzer vertrauen kann, der sich ein Kino in seinem Haus auch dann gewünscht hat, als der gewerbliche Betreiber schon längst das Weite gesucht hatte.
Das B-Movie in Hamburg erhält einen zweiten Preis für seinen thematischen und inhaltlichen Weitblick und die enorme Konzentration auf seine Programmauswahl. In der großen und stolzen Stadt ist dieses kleine Haus ein Leuchtfeuer. Das B-Movie ist für die Hamburger das Tor zur Welt, in der Stadt, die, wie Karl Lagerfeld gespottet hatte, eben nur das Tor zur Welt ist und nicht die Welt.
Auch die Pupille, das Kino in der Uni in Frankfurt am Main, wird ausgezeichnet. Sie bietet ein übersichtliches Programm und stattet es mit kleinen, aber entscheidenden Details aus. Sei es, dass Filmtitel aus dem Programm in Originalsprache und -schrift genannt werden, sei es die Möglichkeit der Beteiligung an der Programmgestaltung, wodurch das Mitmachkino etabliert wurde.
Das kommunale Zebra-Kino in Konstanz stellt einen kulturellen Fixstern in der Bodenseestadt dar, nachdem der lokale kommerzielle Platzhirsch unter Schlagzeilen die Segel gestrichen hat. Heute ist es selten geworden, Filme mit selbstverfassten Texte anzukündigen – hier ist es die Regel. Ein eigenständiges Interesse an eigenen Festivals, der Integration von Subkulturen und interessanten Gästen tut ein Übriges.

Ehrenpreis des Kinematheksverbunds

Der Ehrenpreis des Kinematheksverbundes geht 2020 an die FIlmrestauratorin Anke Wilkening. Sie war von 2002 bis 2019 bei der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden tätig. Ihre Forschungen zur Überlieferung von Originalnegativen und Vintage Prints haben die Tür zu qualitativ neuen Restaurierungen klassischer deutscher Filme weit aufgestossen. Filme wie »Metropolis«, »Spione« und »Der müde Tod« von Fritz Lang, »Der Golem, wie er in die Welt kam« von Paul Wegener oder Robert Wienes »Das Cabinet des Dr. Caligari« wurden durch Wilkenings Arbeit in einer Bildqualität wieder erlebbar, die man zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Der Ehrenpreis gilt dem in der Arbeitsweise von Anke Wilkening für alle sichtbar werdenden idealen Verbund von philologischer Genauigkeit, detektivischem Spürsinn beim Auffinden von Originalmaterial und technischem wie ästhetischem Verständnis für die Werke, denen sie sich widmet.
Zur Jury

Die fünfköpfige Fachjury wird für jeweils drei Jahre entsandt. Seit 2019 gehören Carolin Weidner (Verband der deutschen Filmkritik), Michael Höfner (AG Verleih), Doris Kuhn (Bundesverband kommunale Filmarbeit), Madeleine Bernstorff (Kinematheksverbund) und Pamela Fischer (Bundesverband Jugend und Film) der Jury an.

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